1810. Der Kundenbrief von Ehinger & Cie.

Nº 09

Lesen Sie den aktuellen Kundenbrief
- mit einer Marktübersicht, interessanten Anlagethemen sowie spannenden Berichten.

Den aktuellen Kundenbrief
als Download (PDF)

Kundenbrief Nº 09

Es herrscht eine Vollkasko-Mentalität

Tom Afheldt / N⁰ 09 / September 2022

Es herrscht eine Vollkasko-Mentalität

Wir leben in unsicheren Zeiten: Ukraine-Krieg, Inflation, eine mögliche Rezession sowie eine drohende Energie- und Stromkrise. Risiken gibt es viele, und unsere Zukunft wird oft in düsteren Farben gemalt.

Und etwas fällt auf: Seien es die hohen Benzin- und Gaspreise, die Inflation oder der mögliche Strommangel – überall ertönt jeweils schnell der Ruf nach dem Staat. Der Staat soll höhere Preise verhindern, finanziell unterstützen und eigentlich dafür sorgen, dass wir alle genauso weiterleben können wie bisher – ohne irgendwelche Einschränkungen. Schon seit Längerem, das hat sich auch während der Corona-Krise gezeigt, herrscht eine Art Vollkasko-Mentalität. Entwicklungen wie etwa die höheren Energiepreise werden von politischen Akteuren lustvoll ausgeschlachtet, natürlich mit den bekannten Empörungswellen und den üblichen ideologischen Grabenkämpfen («sozial schwache Familie kann sich das Autofahren nicht mehr leisten»). So werden von den Regierungen im Eilzugtempo sogenannte Entlastungspakete mit wohlklingenden Namen («Tankrabatt») geschnürt. Das Ziel: Der Staat soll helfen, die Risiken übernehmen und die Kosten tragen. Auch wenn solche Regelungen meist unsinnig, wenig durchdacht, oft wirkungslos sind und das Geld mit der Giesskanne verteilt wird. Ein Problem der heutigen (westlichen) Gesellschaft ist, dass man über Jahre im Wohlstand gelebt und sich daran gewöhnt hat, dass der Staat am Schluss als Retter einsteht. Das Leben mit Risiken oder einer Verschlechterung des Lebensstandards wird als Zumutung und als nicht akzeptabel empfunden. Doch leider existieren ökonomische Zusammenhänge, die man nicht einfach ausser Kraft setzen kann. Nichts ist gratis und das Schuldenmachen und Gelddrucken kann nicht unendlich und ohne Konsequenzen fortgesetzt werden. Unliebsame Fakten, Risiken und Entwicklungen werden heutzutage gerne ausgeblendet – sowohl in Teilen der Bevölkerung wie auch in der Politik. Man lebt, solange es geht, weiter in seiner «Blase», seiner Wunschwelt. Das realisieren wir im Moment schmerzhaft, wenn es beispielsweise um die Energiepolitik der letzten Jahre geht.
Besser als das ständige Rufen nach dem Retter Staat wäre mehr Eigenverantwortung für jeden Einzelnen. Und die Erkenntnis, dass man auch in Krisen nicht vor allem geschützt und gerettet werden kann. Wir müssen mit Risiken leben. Zudem müssen wir, wie kürzlich der Basler Soziologe Ueli Mäder sagte, wohl auch wieder «Verzicht lernen». Es wird immer Phasen geben, in denen man auch mal den Gürtel enger schnallen muss, wir haben das nur verlernt. Die Generation meiner Eltern kennt das aber noch sehr gut.
Wir leben in unsicheren Zeiten. Und irgendwie wirken viele Akteure ziemlich hilf- und planlos. Man sollte sich vielleicht ein Zitat des Schriftstellers Denis Waitley zu Herzen nehmen. Es ist eines unserer Leitmotive beim Anlegen (ich nerve damit immer meine Kollegen an der monatlichen Anlagesitzung): «Expect the best, plan for the worst and prepare to be surprised.» Keine so schlechte Anleitung, auch für Regierungen, um mit unsicheren Zeiten umzugehen.