1810. Der Kundenbrief von Ehinger & Cie.

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Kundenbrief Nº 08

Politische Börsen haben kurze Beine

Oliver Ehinger / N⁰ 08 / Mai 2022

Politische Börsen haben kurze Beine

Nicht zum ersten Mal in der Börsengeschichte haben sich die Märkte nach einem einschneidenden Ereignis, wie man den brutalen Angriff Russlands auf die Ukraine bezeichnen muss, in verhältnismässig kurzer Zeit wieder auf das ursprüngliche Niveau erholt.

Nein. Schon vor dem Angriff, Anfang Jahr, in den Wochen der grossen Unsicherheit, was wohl passieren mag, ob die Russen ernst machen und wirklich angreifen oder ob sie bloss eine Drohkulisse aufbauen, um in Verhandlungen möglichst viel zu erreichen, wurden in einigen Medien historische Vergleiche angestellt. In diesen wurde darauf hingewiesen, dass Kriege, Terrorangriffe oder andere gravierende politische Ereignisse kaum je wahrnehmbare Langzeiteffekte auf die Finanzmärkte gehabt hätten. Aus dieser Erkenntnis heraus stammt auch die Redewendung, politische Börsen hätten kurze Beine.
Für die Weltwirtschaft und die Börsen ist viel entscheidender, wie sich nun die Inflation weiterentwickelt. Diese ist inzwischen viel hartnäckiger und höher ausgefallen, als die Notenbanken ursprünglich vorausgesagt haben, und zwingt diese nun zu drastischen Schritten. Denn Inflation ist – man hat das in den letzten dreissig Jahren fast vergessen – Gift für die Volkswirtschaft.
Es war in den letzten Jahren angesichts der Schuldenkrise sogar oft die Rede davon, dass den Politikern Inflation gar entgegenkäme, da man auf diese Weise das Schuldenproblem weginflationieren und sich somit unpopuläre Entscheidungen ersparen könne. Doch inzwischen, wo wir vielerorts Inflationsraten haben, wie man sie seit 40 Jahren nicht mehr gesehen hat, findet ein starkes Umdenken statt, und in Amerika sind es mittlerweile die (linken) Politiker, die das Fed zu entschlossenem Handeln drängen.

Unseres Erachtens ist es in der Tat erstaunlich, wie wenig man dieses knifflige volkswirtschaftliche Dilemma an der Börse spürt. Es ist schwer vorstellbar, dass es den Notenbanken gelingen wird, das schnell eskalierende Inflationsproblem mittels Einstellung des Gelddruckens und Zinserhöhungen zu bekämpfen, ohne dabei eine Rezession auszulösen. Hinzu gesellt sich – und hier wird der indirekte Einfluss des Ukraine-Dramas sichtbar – das Phänomen der immer weiter steigenden Energie- und Rohstoffkosten, die die Nöte der Notenbanken noch verstärken.
Es gibt zwar Sektoren und Länder, die vom Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise profitieren – doch insgesamt wirken die hohen Energiekosten neben den inflationären Tendenzen wie eine Steuer, die der Wirtschaft Geld und Wachstum entzieht und damit automatisch für eine Dämpfung sorgt. Es ist zu befürchten, dass diese Lage nicht ohne Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte bleibt.