1810. Der Kundenbrief von Ehinger & Cie.

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Kundenbrief Nº 06

Dauerempörung und Polarisierung

Tom Afheldt/ N⁰ 06/ September 2021

Dauerempörung und Polarisierung

Liebe*r Leser*in bzw. liebe Leser:innen (entschuldigen Sie, dass hier nur zwei Gender angesprochen werden und sich andere möglicherweise ausgeschlossen fühlen)

Nein, keine Angst. Wir fangen jetzt nicht auch noch an, politisch korrekt zu gendern. Obwohl man sich damit heutzutage natürlich angreifbar macht. Selbstverständlich ist das Ziel, die Gleichberechtigung aller, unbestritten. Doch dieses mit missionarischem Eifer verfolgte zwanghafte Verändern der Sprache ist meines Erachtens wenig zielführend. Aber die Political Correctness ist auf dem Vormarsch. So hängt zum Beispiel doch fast jede Unternehmung heute eine Regenbogenfahne aus dem Fenster und ernennt «Genderbeauftragte», um sich ja nicht zum Angriffsziel von irgendwelchen «Aktivist:innen» zu machen. Für mich ist das Genderthema ein typisches Beispiel für den momentanen Zustand unserer Gesellschaft. Wir leben in einer Zeit der «Dauerempörung» und der zunehmenden Polarisierung. Dies gilt für viele Bereiche (Gender, Klima, Corona etc.) und äussert sich in einem Kampf um Extrempositionen und oft auch im gänzlichen Verzicht auf Diskussionen, Kompromisse – und somit gute Lösungen. Jeder bewegt sich in seiner eigenen «Bubble», zeigt «Haltung» und verteufelt seine Gegner. Auch im eigenen Bekanntenkreis ist es ja oft schon heikel, seine Meinung zur Corona-Impfung zu äussern. Befeuert wird das Ganze durch die Medien, vor allem auch die sogenannt «sozialen». Jeder noch so unwichtige Vorfall wird in fetten Schlagzeilen als Skandal oder Bedrohung für die Menschheit dargestellt und man (er)findet regelmässig neue Benachteiligte oder Risiken – und zu bekämpfende Gegner.
Ein Grund hierfür ist die Jagd nach Auflage und Klicks, beides heute für Medien eine wichtige Einkommensquelle. Diese bedienen mittlerweile primär ihr Stammpublikum. Neutrale und faktenbasierte Berichterstattung ist leider selten geworden. Immer öfter werden abweichende Meinungen von z.B. als «XY-Leugner» gebrandmarkten Experten nicht mehr angehört und unliebsame Künstler, Autoren oder Politiker aus Angst vor Shitstorms gar nicht erst eingeladen. Die Folge ist auch eine Art Selbstzensur: Man verzichtet lieber auf potenziell angreifbare Äusserungen. Dies gilt vermehrt auch für staatliche Institutionen. So haben die Münchner Verkehrsbetriebe kürzlich den Ausdruck «Schwarzfahrer» verboten und im Deutschlandfunk kam ein Beitrag über die Krise bei den «deutschen Autohersteller:innen».
Hinter all dem stecken sicher meist gute Absichten. Man sieht sich im Kampf gegen Ungerechtigkeit, als Gutmensch oder Retter des Planeten. Dabei geht vergessen, dass unsere Gesellschaft und unsere Demokratie auf Diskussionen und Kompromissen basiert. Es gibt keine einzig richtige Meinung und keine einzig richtige Lösung. Nichts ist alternativlos.
Wie können wir dieser Entwicklung entgegentreten? Ganz einfach: andere Meinungen anhören und respektieren, Wichtiges vom Unwichtigen trennen, gemeinsam nach Lösungen suchen. Und etwas mehr Entspanntheit und weniger Selbstdarstellung würde wohl auch nicht schaden.