1810. Der Kundenbrief von Ehinger & Cie.

Nº 20

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Kundenbrief Nº 20

«Sicherheit hat einen Preis.»

Tom Afheldt / N⁰ 20 / Mai 2026

«Sicherheit hat einen Preis.»

Neulich an der Tankstelle. Man zahlt, schüttelt den Kopf, ärgert sich kurz — und viele warten auf die Politik, die das wieder repariert. Preisbremse, Subvention, irgendeine staatliche Massnahme, die den Schmerz des hohen Benzinpreises lindert. Der Ruf nach dem Retter Staat ist inzwischen – quer durch alle Lager – das erste Mittel der Wahl.

Dabei ist der Widerspruch so offensichtlich, dass man fast nicht hinsehen mag: Dieselbe Politik, die fossile Energie jahrelang absichtlich teurer machen wollte, um die Energiewende zu erzwingen, fordert heute Preisbremsen, weil genau das passiert ist. Man bekämpft – wie so oft – das Symptom, weil die eigentliche Ursache unbequem ist und die Politiker es sich so relativ einfach machen können.
Aber das Problem ist nicht der Benzinpreis. Das Problem ist, dass wir uns über Jahrzehnte an etwas gewöhnt haben, das in Wirklichkeit wohl eine Ausnahmephase war: Sicherheit - in Bezug auf Energie, funktionierende Lieferketten, eine weitgehend stabile Weltordnung und militärisch. Wir haben uns daran gewöhnt, dass diese Sicherheit gratis ist und betrachten das noch immer als Normalzustand. Das ist es leider nicht. Sicherheit hat viele Dimensionen – und alle werden teurer. Die Energieversorgung: Europa hat schmerzlich gelernt, was es bedeutet, sich von einem einzigen Lieferanten abhängig zu machen. Die Lieferketten: Was in der Pandemie begann, setzt sich fort – «just in time» wird durch «just in case» ersetzt, Lager werden aufgebaut, Produktionsstandorte verlagert. Alles richtig. Alles teuer. Und die geopolitische Sicherheit: Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass internationale Absprachen keine Garantie sind. Die USA unter Trump machen es noch deutlicher – wenn ein amerikanischer Präsident Bündnisverpflichtungen je nach Stimmung kommentiert, ist das kein Ausrutscher. Das ist ein Signal. Europa wird sich selbst verteidigen müssen. Ob es will oder nicht.
Das ist keine politische Meinung. Das ist Logik. Sicherheit hat einen Preis. Höhere Verteidigungsausgaben belasten die Staatshaushalte und verdrängen andere Ausgaben. Robustere Lieferketten sind weniger effizient – das schlägt sich in höheren Produktionskosten nieder. Energiesicherheit kostet Investitionen in Infrastruktur, Speicher und Alternativen. Und politische Entscheidungen - weitreichend, oft widersprüchlich, manchmal am nächsten Tag schon wieder zurückgenommen – sind längst ein Marktfaktor: unberechenbar, schnell, mit unmittelbaren Konsequenzen für Kurse und Konjunktur. Für Anleger bedeutet das: weniger Planbarkeit, mehr Überraschungen — und eine höhere Prämie für Qualität und Widerstandsfähigkeit. Ich sage das nicht, um Pessimismus zu verbreiten.
Ich sage es, weil man mit falschen Annahmen schlechte Entscheidungen trifft. Wer noch immer glaubt, wir seien kurz vor der Rückkehr zur alten Normalität, wartet auf etwas, das wohl nicht zurückkommt.
Sicherheit war nie gratis. Wir haben sie nur eine Zeitlang nicht selbst bezahlt.