1810. Der Kundenbrief von Ehinger & Cie.

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Kundenbrief Nº 21

«Für nachhaltige Lösungen braucht es mehr Leidensdruck.»

Oliver Ehinger/ N⁰ 21 / September 2026

«Für nachhaltige Lösungen braucht es mehr Leidensdruck.»

In der Politik wird mit «muddling through» oder auf Deutsch «sich durchwursteln» etwas unrühmlich das Vorgehen ohne klaren Plan, bei dem die Probleme von Fall zu Fall und spontan angegangen werden, bezeichnet. Zentral dabei ist das Fehlen eines langfristigen Plans oder einer überlagerten, konzeptionellen Strategie.

Beim Betrachten der derzeitigen politischen Entwicklungen in vielen Ländern fällt einem leider nichts anderes ein als eben dieser Ausdruck. Es gibt kaum ein Beispiel einer westlichen Regierung, die es schafft, grosse und wichtige Projekte systematisch anzugehen; von der sorgfältigen Planung über die politische Auseinandersetzung bis zur erfolgreichen Umsetzung. Sei es der Brexit von Grossbritannien, der zum Ausgangspunkt von «Global Britannia» und einer entfesselten Wirtschaft hätte werden sollen. Oder sei es die Konsolidierung der Staatsfinanzen in Frankreich, die mit einer wichtigen Rentenreform hätte starten sollen, die aber inzwischen wieder rückgängig gemacht wird. Oder sei es der gross angekündigte Reformimpuls der neuen deutschen Regierung, der wegen der Uneinigkeit der Koalitionspartner verpufft.
Diese betrüblichen Beispiele kann man auf knappe oder fehlende politische Mehrheiten zurückführen. Und dieser Umstand hat letztlich mit der gesellschaftlichen Polarisierung zu tun, die seit der Jahrtausendwende überall zunimmt.
Daraus könnte man eigentlich schliessen, dass in diesem Fall eine «Konkordanzregierung», wie sie die Schweiz seit vielen Jahrzehnten praktiziert, geradezu prädestiniert wäre, die Herausforderungen der Zeit anzugehen. Eine Regierung, in der alle grossen Parteien an einem Tisch sitzen und tragfähige Kompromisse schmieden!
Doch leider herrscht auch hier grosse Fehlanzeige. Eine längst überfällige Reform der Altersvorsorge wird auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagt, weil man der Bevölkerung keine Erhöhung des Rentenalters zumuten mag. Selbst eine kleine Armeeaufrüstung kommt praktisch nicht zustande, weil man sich über die Finanzierung nicht einigen kann. Und man hält an einer sogenannten Energiestrategie fest, von der man weiss, dass sie nicht aufgehen kann, da die Winterlücke einfach ausgeblendet wird.
In einer Zeit, in der sich Bundesräte mehr um ihr Image und ihre Umfragewerte in der Bevölkerung kümmern als Probleme zu lösen, in der sich die Polparteien auf Biegen und Brechen lieber profilieren als nachhaltige Lösungen zimmern wollen und in der sich die Parteien dazwischen primär um den zweiten Bundesratssitz balgen, in einer solchen Zeit kann man offenbar auch in der Schweiz nicht mehr erwarten als «muddling through».
Es bleibt einem nur die ernüchternde Schlussfolgerung, dass der Leidensdruck für echte Lösungen offenbar nicht gross genug ist.